Harald Dasinger

Harald Dasinger
Moderne & Postmoderne Schauspiele

Eine indische Geschichte


Eine indische Geschichte


1857. Seit über 250 Jahren koexistieren in Indien zwei verschiedene Kulturen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. 
Wirtschaftskriminalität, Profitgier, Betrug und Krieg gepaart mit tantrischer Erotik und Traditionen des Hinduismus werden in diesem Drama dargestellt... Seit zweieinhalb Jahrhunderten befindet sich Indien zum Teil unter der Kontrolle der „East India Company“, die durch Unterdrückung, Enteignungen und Lord Dalhousies „Doctrine of Lapse“ ihre Expansionspläne vorantreibt, bis sich mehr als zwei Drittel des Landes unter ihrem Einfluss befinden... Korruption, Betrug, Illoyalität und Drogenhandel sind an der Tagesordnung. Selbst die Angestellten der EIC zögern nicht, die „Company“ zu betrügen, um sich persönlich zu bereichern. Die Missstände im Land nehmen immer mehr zu. Letztendlich kommt es zur Revolte der Sepoy, der indischen Soldaten, die im Dienst der EIC stehen, weil ihre Kultur und Traditionen von den britischen Kolonialherren missachtet werden. Auch wird die leidenschaftliche Liebesbeziehung zwischen dem jungen britischen Leutnant Alexander und der schönen, jungen Anjali, der Lieblingsfrau des Maharadscha, ausführlich geschildert...

Softcover: ISBN 9783745004694
eBook:      ISBN 9783745004755

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I. Aufzug, 7. Szene

 

(Im indischen Garten... In der Mitte steht ein Pavillon, von Büschen und Bäumen umrandet; zwischen den Büschen steht eine Bank, daneben befindet sich ein Springbrunnen.
Links in den Büschen neben dem Pavillon steht Anjali, die man nur teilweise sieht.)
(Suri und Lt. Mitchell von links)

Suri: Leise bitte, Sahib...
Lt. Mitchell: Wo gehen wir hin?
Suri: Wir sind gleich da.
Lt. Mitchell: Was soll diese ganze Heimlichtuerei?
Suri: Das darf ich Euch nicht sagen, Sahib... Es ist gleich soweit.
Lt. Mitchell: Du sagtest, wir werden jemanden treffen...
Suri: Das werden wir, Sahib.
Lt. Mitchell: Wen?
Suri: Das darf ich Euch auch nicht sagen, Sahib...
Lt. Mitchell: Entweder du sagst endlich bescheid, oder ich gehe. Ich habe keine Lust...
Suri (Bleibt stehen): Wir sind da.
Lt. Mitchell: Da ist aber keiner.
Suri: Ich bitte Euch, kurz zu warten. (Nach rechts ab)
(Sekundenlanges Schweigen)
Anjali (Aus den Büschen hervortretend): Ihr wisst, wer ich bin?
Lt. Mitchell (Sich verbeugend): Ihr seid die Maharani.
Anjali: Eine davon... Ich bin die vierte und jüngste Frau des Maharadscha.
Lt. Mitchell: Es ist mir eine große Ehre...
Anjali (Abwinkend): Wer weiß, dass Ihr hier seid?
Lt. Mitchell: Niemand, Maharani, absolut niemand.
Anjali: Und dabei soll es auch bleiben. Ihr dürft niemandem, aber absolut niemanden jemals auch nur ein einziges Sterbenswörtchen über dieses Treffen sagen.
Lt. Mitchell: Ich verspreche es.
Anjali: Ihr gebt mir Euer Wort?
Lt. Mitchell: Ich gebe Euch mein Ehrenwort als Offizier Ihrer Majestät.
Anjali: Schwört es!
Lt. Mitchell: Ich schwöre es.
Anjali: Bei Eurem Leben?
Lt.Mitchell: Bei meinem Leben.
Anjali (Zufrieden lächelnd): Gut - ich vertraue Euch.
Lt. Mitchell: Ihr könnt mir vertrauen, Maharani und Euch immer auf mich verlassen.
Anjali (Streicht ihm über die Wange): Das freut mich, zu hören.
Lt. Mitchell (Leicht verlegen): Ich stehe Euch stets zu Diensten - wann immer Ihr mich braucht.

 

(Kurzes Schweigen)

Anjali: Wie heißt Ihr eigentlich?
Lt. Mitchell (Hacken zusammenschlagend): Alexander Mitchell. Leutnant im 2. Kavallerie-regiment Ihrer königlichen Majestät, Queen Victoria von England...
Anjali (Lächelnd): Nicht so förmlich, mein Lieber... Wir sind hier unter uns und nicht beim Protokoll... Nur wir beide... (Dreht ihm den Rücken zu, bewegt sich anmutig einige Schritte nach vorne) Das wolltet Ihr doch, oder?
Lt. Mitchell (Verlegen): Ich verstehe nicht, was Ihr meint, Maharani...
Anjali (Dreht sich um, nähert sich ihm, bleibt dich vor ihm stehen, verschmitzt lächelnd): Oder habe ich mich etwa getäuscht?!
Lt. Mitchell: Ich... Ich...
Anjali: Ich habe sehr wohl gesehen, wie Ihr mich auf dem Markt mit Euren Blicken verschlungen habt...
Lt. Mitchell: Ich bitte um Verzeihung, gnädigste Maharani. Ich wollte Euch nicht beleidigen.
Anjali: Ich habe mich geschmeichelt gefühlt, begehrt zu werden...
Lt. Mitchell: Es steht mir nicht zu...
Anjali: Ihr habt mich also nicht begehrt, als Ihr mich saht?
Lt. Mitchell: Ich habe in meinem Leben noch nie so eine wunderschöne Frau wie Euch gesehen, Maharani.
Anjali (Schelmisch): So?!
Lt. Mitchell: Ich war vom ersten Moment an von Euch fasziniert...
Anjali: Aber?
Lt. Mitchell: Als mein Captain mir sagte, dass Ihr eine Maharani seid, wußte ich, wie unerreichbar Ihr für mich seid und dass ich Euch wahrscheinlich nie wiedersehen werde.
Anjali: Aber jetzt seid Ihr hier...
Lt. Mitchell: Es ist mir eine besondere Ehre...
Anjali: ... und das allein ist, was zählt, oder?
Lt. Mitchell: Wie Ihr sagt, Maharani: das allein zählt.
Anjali: Wollt Ihr mich wieder sehen?
Lt. Mitchell: Wann immer Ihr es wünscht.
Anjali: Oft?
Lt. Mitchell: So oft wie nur möglich.
Anjali: Wir werden uns jedoch immer im Geheimen treffen müssen - an verschiedenen Tagen, zu verschiedenen Zeiten... Und niemals darf irgend jemand davon erfahren. Ansonsten würde der Maharadscha uns beide töten.
Lt. Mitchell: Für Euch würde ich mein Leben geben.
Anjali (Küsst ihn leidenschaftlich auf den Mund): Shiva und Parvati - Anjali und Alexander.
Lt. Mitchell: Ich kann dieses unermessliche Glück nicht fassen...
Anjali: Es ist wahr, es ist da. Es gehört uns - uns beiden.
Lt. Mitchell: Niemand soll es jemals zerstören. Das schwöre ich bei meinem Leben.
Anjali: Ich auch, mein Liebster, ich auch!
Lt. Mitchell: Ich wünsche, wir könnten für immer zusammen sein...
Anjali: Es wäre wundervoll, aber leider ist es unmöglich.
Lt. Mitchell: Nicht im Moment, jedoch...
Anjali (Legt ihm den Zeigefinger auf den Mund): Pssssst... Ich bin die Frau des Maharadscha und somit unverweigerlich an ihn gebunden... Ich lebe im Harem mit seinen drei anderen Ehefrauen, einigen seiner Lieblingskurtisanen, strengstens von Eunuchen bewacht...Und dann gibt es da noch einige entfernte Tanten, die zur Familie gehören und noch zwei häßliche Cousinen - für die eine ist kein Mann gefunden worden und die andere wurde von ihrem Mann verstoßen, aus welchem Grund auch immer... Auch wenn er hunderte von Bediensteten hat, ist es trotzdem meine Pflicht, mich um die anderen Familienmitglieder zu kümmern, gemeinsam mit den anderen den Haushalt zu führen... Ich habe zwar mein eigenes Zimmer und meine Dienerin, aber trotzdem bin ich seine Dienerin, mit der er tun und machen kann, was immer er will... Ich muß ihm gefügig und zu Willen sein, wann immer er es verlangt... Wie ekelhaft das für mich ist, kann er sich nicht mal in seinen kühnsten Träumem vorstellen... Man erwartet Treue und Ergebenheit, Ansprüche zu stellen ist verboten... Ich bin eine Gefangene im goldenen Käfig. Mein Leben ist trostlos und öde, ich fühle mich von der Monotonie des Alltags erdrückt... Ich habe jedoch keine andere Wahl...
Lt. Mitchell (Sie ihn die Arme nehmend): Meine Liebste, wie weh es mir tut, dies zu hören...
Anjali: Jetzt, wo wir einander gefunden haben, wird die Zeit schneller vergehen, denn ich werde an dich denken, mein Liebster, von dir träumen, mich nach deiner Leidenschaft sehnen... Selbst die „Puja“ bei Sonnenauf- und -untergang wird ab jetzt keine Bedeutung mehr für mich haben... Ich werde den Göttern für dich danken. Gepriesen seien Brahma, shiva und Vishnu!
Lt. Mitchell: Ja, gepriesen seien sie, obwohl ich sie nicht kenne.
Anjali (Leicht erstaunt): Du kennst unser Götter nicht?
Lt. Mitchell: Nein, meine Liebste, denn ich bin erst seit einigen Wochen hier.
Anjali: Weil die Götter dich mir gesendet haben... Du solltest ihnen auch für mich danken.
Lt. Mitchell: Das werde ich.
Anjali: Ich will dir nur kurz etwas über sie sagen, damit du weißt, wem du dankst... Und vielleicht auch im Tempel Kerzen und Räucherstäbchen für uns anzündest...
Lt. Mitchell: Ja.
Anjali: Der Hauptgott hat drei Erscheinungsformen: Brahma, den Schöpfer, die Universalseele, das Weltall; Vishnu, der bereits neun mal auf der Erde war - unter anderem auch als Rama, Krishna und Buddha - ist der Erhalter, der Bewahrer aller Dinge und Shiva, der Gott der Zerstörung und Erneuerung, der mit einem Dreizack bewaffnet auf einem Stier reitet und mit seinem dritten Auge, das er auf der Stirn trägt, alles sieht. Mit seiner Gemahlin Parvati, hat er zwei Söhne - Ganesha, den Gott des Reichtums und der Weisheit und Kartikkaya, den Kriegsgott. Jetzt kennst du unsere wichtigsten Götter.
Lt. Mitchell: Wir haben nur einen Gott, aber in dem sind drei Personen.
Anjali: Welche Gestalten nimmt dieser Gott an?
Lt. Mitchell: Nun - es ist so: es ist Gott Vater, Gott Sohn und der Heilige Geist.
Anjali: Dann habt ihr also zwei Götter...
Lt.Mitchell: Nein, es ist dasselbe, alle drei sind nur eins.
Anjali: Wie kann denn ein Geist ein Gott sein?
Lt. Mitchell: Der Heilige Geist ist nur symbolisch gemeint.
Anjali: Also doch nur zwei Götter... Wie sehen diese aus?
Lt.Mitchell: Man kann sie nicht sehen...
Anjali: Und woher wisst ihr dann, dass es sie überhaupt gibt?
Lt. Mitchell: Vor langer Zeit, vor tausenden von Jahren hat Gott als brennender Busch zu einem Propheten gesprochen...
Anjali: Ein brennender Busch - so, so... Und wie hat dieser brennende, sprechende Busch einen Sohn gezeugt?
Lt. Mitchell: Er selber hat ihn nicht gezeut - er hat ihn zeugen lassen.
Anjali: Dann ist er nicht sein Sohn und somit auch kein Gott.
Lt. Mitchell: Gott Vater hat vor über 1.800 Jahren den Heiligen Geist auf die Erde geschickt und dieser ist dann in eine Jungfrau gestiegen. Aus dieser Vereinigung wurde dann der Sohn Gottes geboren.
Anjali: Als was?
Lt. Mitchell: Als Mensch.
Anjali: Das ist seltsam...
Lt.Mitchell: Warum?
Anjali: Weil Götter Götter zeugen und Menschen Menschen. Dass Gott einen Menschen mit einer normal sterblichen Frau zeugt und dieser Sohn - ein Mensch - dann auch Gott sein soll, nun ja - das ist mir völlig unverständlich... Doch wollen wir es dabei belassen, denn es gibt Dinge, die wir nie verstehen werden. Mindestens nicht in diesem Leben, vielleicht jedoch in einem anderen, wenn wir wiedergeboren werden...
Lt. Mitchell: Du glaubst auch an die Wiedergeburt?
Anjali (Leicht erstaunt): Selbstverständlich! Das „Samsara“ - der ewige Kreislauf bestehend aus Geburt, Tod und Wiedergeburt. Als was man wiedergeboren wird, hängt davon ab, ob man in seinem Leben Gutes oder Schlechtes getan hat. Allein das “Kharma” entscheidet über das Schicksal eines Menschen. Durch gute Taten kann man zur Einheit mit Gott werden.
Lt. Mitchell: Ja, wenn wir Gutes tun, so kommen wir zu Gott in den Himmel...
Anjali: Zu welchem? Zu dem, der drei Personen ist?
Lt. Mitchell: Ja. Im Himmel sitzt Gott aus seinem Thron und wird umgeben von Cherubinen und Engeln, die singen und ihn lobpreisen... Hier herrscht unendlicher Friede und ewige Liebe... Es ist wie in einem wunderschönen, farbenprächtigen Garten, wo alle Seelen sich der Liebe und Güte Gottes erfreuen - die vollkommene Erlösung.
Anjali: Auch Hinduisten ist es möglich, die Erlösung, „Moksha“, zu erlangen, aber das geschieht nur, indem man das „Samsara“ verlässt.
Lt. Mitchell: Nicht jeder hat jedoch die Möglichkeit, in Gottes Reich zu gelangen. Wer in seinem Leben nur Böses getan hat, kommt in die Hölle, einen Ort der ewigen Verdammnis; da gibt es nur Jammern, Heulen und Zähneklappern unad alles riecht nach Pech und Schwefel und die Seelen der Verdammten werden von den Teufeln gequält und durch das Höllenfeuer gejagt...
Anjali: Das klingt ja furchtbar... Euer Gott scheint böse zu sein.
Lt. Mitchell: Nein, Maharani - er ist ein Gott der Liebe und Güte. Er gibt verirrten Seelen die Möglichkeit zu bereuen und Buße zu tun... Sie werden geläutert, indem ihre Sünden von den Flammen des Purgatoriums, des Fegefeuers, rein gewaschen werden - und danach dürfen auch sie das Antlitz Gottes schauen.
Anjali: Ich glaube nicht, dass mir das gefallen würde... Ich möchte eines Tages, in einem anderen Leben, „Moksha“ erreichen, das höchste Ziel eines jeden Hindus. Und darum befolge ich die Regeln des „Dharma“...
Lt. Mitchell: Was ist das „Dharma“? Ich habe noch nie davon gehört.
Anjali: Das bedeutet, dass man seine Pflichten gegenüber der Familie und den Freunden erfüllen muss, den Nachbarn helfen soll, freundlich zu anderen sein und stets die Wahrheit sagen muss...
Lt. Mitchell: Das ist so ähnlich wie in unserem Glauben...
Anjali (Fortfahrend): ... und dabei helfen uns die zehn Lebensregeln... Willst du diese hören?
Lt. Mitchell: Sehr gerne.
Anjali: Diese zehn Lebensregeln sind: sich rein halten, zufrieden sein, freundlich und geduldig sein, sich bilden, sich ganz nach den Göttern richten, nicht zerstören und verletzen, nicht lügen, nicht stehlen, andere nicht beneiden, nicht unbeherrscht und gierig sein.
Lt. Mitchell (Leicht erstaunt): Das klingt ja so ähnlich wie die 10 Gebote...
Anjali: Ihr habt 10 Gebote - wir haben 10 Lebensregeln... Das klingt wirklich interessant... Wollt Ihr mir diese sagen?
Lt. Mitchell: Es sind die 10 Gebote, die Gott, in der Gestalt des brennenden Busches, den Kindern Israels gegeben hat - und wir habe diese übernommen... Sie lauten: „Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir. Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht mißbrauchen. Du sollst den Feiertag heiligen. Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren. Du sollst nicht töten. Du sollst nicht ehebrechen. Du sollst nicht stehlen. Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib, Knecht, Magd, Vieh noch alles, was dein Nächster hat.“
Anjali: In der Tat - ich sehe eine große Ähnlichkeit in diesen Regeln...