Harald Dasinger

Harald Dasinger Dramaturgie
Modernes & Postmodernes Theater - Literatur der Gegenwart

1989


1989
Feuer auf dem Balkan


Ein kleines Dorf in einem ehemals kommunistischen Balkanland... Diese
(fast) wahre Geschichte beschreibt verschiedene Ereignisse in der Zeitspanne zwischen dem Staatsstreich und der Wahl einer neuen Regierung. Sie zeigt, wie Menschen, die sich seit ihrer Kindheit kennen, von Freunden zu Feinden werden; wie Neid und Habgier den Charakter verändern. Dass Lügen, Bestechung und Korruption allgegenwärtig sind, ganz gleich, welche Regierung die Instrumente der Macht zum eigenen Vorteil einsetzt und das Vertrauen seiner Wähler missbraucht. Sie spricht über falsch verstandene Freiheit und die Fehlinterpretation der Demokratie. Sie zeigt, wie Politik die Gesellschaft spaltet. Sie entblößt die Diktatur der Demokratie.

Softcover: ISBN 9783745032284
eBook:     
ISBN 9783745004762
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1. Aufzug, Teil 2 der 6. Szene

Dorian: Wenn die den Diktator nicht erwischen und es der Miliz und dem Nationalen Sicherheitsdienst gelingt, das Volk in Schach zu halten und die Revolution nieder zu schlagen - ja, dann rollen Köpfe, und nicht gerade wenige...
Mathelehrer: Keine Sorge, die erwischen ihn garantiert.
Dorian: Sagen wir mal, sie erwischen ihn, gut - aber seine Spezialtruppen könnten ihn befreien... Denken Sie doch mal, Herr Professor - die haben die beste Ausbildung und die besten Waffen, gegen die kommt keiner an. Außerdem kennen die alle unterirdischen Verstecke und Bunker... Und Munition und Vorräte haben die bestimmt mehr als genug überall gebunkert... Das könnte Wochen dauern...
Mathelehrer: Du vergisst aber, dass das Militär sich auf die Seite des Volkes geschlagen hat.
Dorian: Sie werden sehen, Herr Professor, dass es zum Bürgerkrieg kommt. Darauf verwette ich meinen Hals.
Mathelehrer: Und ich wette mit dir um eine Flasche Wodka, dass es nicht so ist.
Dorian: Angenommen. Verlieren Sie, geben Sie mir eine Flasche bulgarischen Rotwein - keine Sorge, der kostet dasselbe wie eine Flasche Wodka - verliere ich, bekommen Sie eine Flasche Wodka von mir.
Mathelehrer: Die Wette gilt. (Beide reichen sich die Hand) Lasse mich dir die Sache so erklären, wie sie wirklich ist.
Dorian: Ich bin ganz Ohr.
Mathelehrer: Wie gesagt - das Militär steht auf Seiten des Volkes. Du wirst sehen, dass in einigen Stunden, wenn nicht sogar schon früher, auch Miliz und Sicherheitsdienst die Fronten wechseln, denn jeder steht sich selbst am nächsten und dann, mein Lieber, ist die Sache klarer, als das Sonnenlicht. Ich sage dir, diese Revolution wird ein großer Sieg des Volkes, unser Sieg!
Dorian: Schon, doch frage ich mich, warum die dann noch immer schießen...
Mathelehrer: Das sind die treuen, auf den Diktator eingeschworenen Spezialtruppen... Stell die dämliche Musik ab und schalte das Radio ein - lasse uns mal hören, was es Neues gibt...

(Dorian schaltet das Tonband aus, dreht das Radio an, geht zurück zum Tisch)

Stimme aus dem Radio: ... befinden sich in den Händen der Revolutionäre. Der Chef des Nationalen Sicherheitsdienstes und der der Miliz übergaben vor einigen Minuten in der Hauptstadt den Repräsentanten des Volkes sämtliche Schlüssel zu allen Gebäuden ihrer Hauptverwaltungen und Institutionen, einschließlich zu den Waffen- und Munitionslagern. Die ersten Recherchen ergaben, dass die Anzahl der Waffen- und Munitionsvorräte mit den in den Akten angegebenen Zahlen übereinstimmen, was bedeutet, dass Miliz und der Nationale Sicherheitsdienst nicht auf das Volk geschossen haben. Wir wiederholen: Miliz und Nationaler Sicherheitsdienst haben nicht auf das Volk geschossen! Darum bitten wir Sie, meine Damen und Herren, diesen Leuten, die Sie einst gehasst haben, nicht feindlich und gewalttätig gegenüber zu treten; lassen Sie sich nicht zu sinnlosen Gewalttaten hinreißen! All jenen jedoch, die zu den Mördern ihres eigenen Volkes geworden sind, droht eine harte Strafe. Selbstverständlich werden sich auch jene aus den Reihen der Miliz und des Nationalen Sicherheitsdienstes vor Gericht verantworten müssen, die während der Zeit der Diktatur die Menschenrechte und -würde verletzt und mit Füßen getreten haben. Ihnen gebührt eine gerechte Strafe und wir, das Volk, werden ihre Richter sein. Zu verantworten werden sich auch jene aus den Reihen der Kommunistischen Partei haben, die ihre Funktionen und Macht eigenwillig und eigennützig missbraucht haben.
Mathelehrer: Nun - was sagst du jetzt?
Dorian: Na ja...
Mathelehrer: Pssst - es geht weiter.
Stimme aus dem Radio: Viele haben sich zur Zeit der Tyrannei bereichert, haben Millionen in die eigenen Taschen fließen lassen, haben sich luxuriöse Häuser und Villen gebaut, fuhren die teuersten ausländischen Limousinen, während wir, das Volk, hungerten, während wir im Winter in unseren eisigen Wohnungen fast erfroren, während wir Sommer, wie Winter, bei Regen und Schnee stundenlang Schlange standen, um ein Kilo halb verdorbenes Fleisch zu ergattern oder ein halbes Kilo Sojawurst und, wenn wir Glück hatten zehn Eier pro Monat pro Familie zu bekommen... Diese Zeit ist vorbei! Nieder mit dem Kommunismus! Tod dem Tyrannen! Es lebe die Freiheit! Es lebe die Revolution! Es lebe unser wunderbares, mutiges Volk, das sich in diesen Augenblicken mit eigenem Blut, das erkämpft, was ihm von Natur aus zusteht: die Freiheit! Die Freiheit! Unser ist der Sieg! Tod dem Tyrannen! Endlich wurden unsere Gebete erhört... Und jetzt folgen einige Minuten Musik, wonach wir mit neuen Nachrichten zurück sind... (Musik)
Physiklehrer (Von rechts, geht in die Kneipe): Sieg, Sieg! Es lebe die Freiheit!
Mathelehrer: Grüß´ dich, Gorel. Es lebe die Freiheit! (Beide schütteln sich die Hand)
Dorian: Guten Tag, Herr Professor! Sie - hier?! Das ist aber eine Überraschung...
Physiklehrer: Ja, an solch einem Tag lohnt es sich, einen zu trinken.
Mathelehrer: Hängt ganz davon ab, wie groß oder kleine der „Eine“ ist... (Lacht)
Physiklehrer: Bringe uns eine Flasche von dem guten bulgarischen Rotwein, den du unter der Theke versteckt hältst - und nimm dir gleich auch ein Glas.
Mathelehrer: Ist das ein Tag heute...
Physiklehrer: Es ist wirklich schön, dass wir das mit erleben dürfen... Fragt sich nur: was jetzt?! Was wird wohl kommen in nächster Zeit?
Mathelehrer: Einfach wird es nicht, aber in drei, vier, fünf Jahren dürfte sich so manches geändert haben.
Physiklehrer: Wir müssen zuerst mal die Freiheit erlernen; lernen, was Demokratie ist, ansonsten gehen wir darin unter.
Mathelehrer: Sind wir denn noch nicht tief genug gesunken?
Physiklehrer: Diese neue Freiheit wird Anarchie hervor rufen, denn alle werden in diesem unerwarteten Freiheitsrausch ertrinken.
Mathelehrer: Jetzt liegt es an uns, den Intellektuellen, das Volk aufzuklären, ihnen neues politisches und soziales Bewusstsein beizubringen.
Physiklehrer: Das wird nicht einfach, aber irgend wann wird es sich gelohnt haben.
Mathelehrer: Wer sein Volk und sein Land liebt, dem ist keine Mühe zu groß. Ich bin bereit!

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