Harald Dasinger

Harald Dasinger Dramaturgie
Modernes & Postmodernes Theater - Literatur der Gegenwart

Maria von Magdala


Maria von Magdala


Als künftige essenische Priesterin erzogen, entsagt Maria Magdalena nach einer kurzen gescheiterten Ehe dem jüdischen Glauben und wendet sich dem Isis Kult zu. Als Priesterin der Isis trifft sie den Wanderprediger Jeschua aus Galiläa, von dem und dessen Lehren sie sich angezogen fühlt... Sie zeugen miteinander drei Kinder... Als Maria merkt,dass sie von Jeschua und seiner Familie nur dazu benutzt wurde, um die dynastische Linie des Hauses David fortzusetzen, wendet sie sich von ihm ab... Sie flieht nach Frankreich, wo sie in der Provence bis zu ihrem Lebensende im Jahr 63 bleibt.

Softcover: ISBN 9783745063035
ePub:        ISBN 9783745063059
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I. AUFZUG, 4. Szene

(Jeschua und Maria Magdalena setzen sich auf die Stufen vor dem Altar)

 Maria Magdalena: Nun, was sagst du? Gefällt es dir?
Jeschua: Es ist sehr ruhig und friedlich hier...
Maria Magdalena: Ja, wir leben in Eintracht mit der Göttin und mit uns selbst... Das ist es, was die Mädchen hier lernen.
Jeschua: Die Mädchen?! Du meinst...
Maria Magdalena (Lächelnd abwikend): Es ist nicht so, wie alle glauben. Wir sind keine Huren, die sich für Geld verkaufen, um die Schätze des Tempels zu mehren...
Jeschua: Aber ihr lasst euch doch für, sagen wir “gewisse Dienste” bezahlen...
Maria Magdalena: Ja und nein... Sieh mal, es ist so: im Tempel leben zwei Arten von Frauen. Erstens die “hetairai” - die Prostituierten, die regelmäßig für Geld mit Männern schlafen; sie sind Eigentum des Tempels, Sklavinnen. Durch das Geld und die Geschenke der Freier bestreiten wir sowohl unseren Lebensunterhalt, als auch die Kosten für die Instandhaltung des Tempels und glaube mir - diese sind nicht gerade gering. Und zweitens gibt es bei uns die “Jungfrauen”, oder besser gesagt, die “jungen Frauen”. Diese sind zur Erziehung hier, zur Vorbereitung auf das eheliche Leben.
Jeschua: Indem ihre Unschuld an den meist Bietenden verkauft wird - wahrschein-lich im Rahmen irgend eines heidnischen Rituals...
Maria Magdalena: Wir nennen es “heilige Prostitution”, jedoch stellt diese und die damit verbundenen Übergangsrituale nur einen kleinen Teil der Ausbildung und Erziehung, die mehrere Jahre dauert, dar. Es geht um eine völlige, grundlegende Veränderung, welche zur Bereitschaft der Mädchen führt, die sozialen Rollen von Frau und Mutter zu übernehmen. Die Rituale, welche die Mädchen während der Pubertät durchlaufen, bestehen aus Laufwettbewerben, Prozessionen zu Altären und anderen heiligen Gegenständen, dem Opfer eines Tieres als Ersatz für ein Menschenopfer und besonders in der Bildung von Tanzgruppen. Der Übergang beginnt mit der Trennung der Eingeweihten von ihrer Mutter, die den Bruch mit der Kindheit und der als mütterlich angesehenen Welt symbolisiert. Und dieser Übergang erfordert, dass die Mädchen an Riten teilnehmen, die nur an heiligen Orten - wie unserem Tempel - abgehalten wurden. Die Mädchen werden unter die Obhut eines “payonomos“ gestellt, dessen Aufgabe es ist, sich um die körperlichen Bedürfnisse des Eingeweihten zu kümmern und sie in die Geheimnisse der Fruchtbarkeit und Sexualität einzuweisen und ihr die akzeptierten Pflichten einer Frau beizubringen... Das ist es, was wir hier im Tempel der großen Göttin machen...
Jeschua: Das alles erinnert mich an den Artemiskult aus Ephesos, oder den heidnischen Kult der Ishtar...
Maria Magdalena: Die Göttin ist nur eine, gleich welchen Namen sie auch immer trägt: Isis oder Ishtar, Astarte oder Artemis...

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